DAV-Bad Kissingen

Letzte Skitour vor "Corona" - Lukmanierpass

Letzte Skitour vor "Corona" - Lukmanierpass

Die letzte Skitour vor Corona (Führungstour zum Lukmanierpass 12.03. - 15.03.2020)

Teilnehmer: Joachim Eyrich, Harald Fischer, Thomas Herterich, Christian Schröter, Simon Wehner

Aufgrund der Wettervorhersage musste die eigentlich geplante Rundtour am Sustenpass wieder einmal abgesagt werden. Zu unsicher waren die Aussichten auf stabiles Wetter, das für eine Durchquerung ausreichen könnte. Außerdem wurde für den Zustieg zum geplanten Etappenziel Tierberglihütte eine akute Steinschlagwarnung ausgesprochen. So musste das Ziel kurzerhand geändert werden wobei die Wahl auf das Gebiet des Lukmanierpasses fiel. Dessen Passstraße ist ganzjährig geöffnet, so bleibt in Kombination mit einer Unterkunft im Tal viel Flexibilität für veränderliche Verhältnisse. Mittwoch Abend bezogen wir also unser uriges Ferienhäuschen im winzigen Bergdorf Mutschnengia.

Piz Pazzola (2580m)

Am folgenden Tag konnte es direkt von unserer Unterkunft losgehen. Mit Hilfe einer luftigen Hängebrücke musste zunächst das Val Mutschnengia überquert werden, erst dann startete der Aufstieg mit Ski. Über sanftes Waldgelände erreichten wir die Wiesenhänge der Tegia Nova. Dort nahmen wir einen immer steiler werdenden Rücken, der uns zur Schlüsselstelle des Aufstiegs führen sollte. Eine kurze Steilstufe, die uns aufgrund der niedrigen Schneelage ein paar Felsen in den Weg legte. Mit ein paar kräftigen Schritten standen wir aber auch schon auf dem sanften Rücken, der uns problemlos zum Gipfel des Piz Pazzola führte. Bei perfektem Wetter waren die Gipfelbrotzeit und der Ausblick ein Genuss. Die Abfahrt sollte nun nicht entlang der Aufstiegsroute sondern durch das kleine Tal der Puzzetta führen. Im Gipfelhang legte der Guide gleich mal einen spektakulären Sturz auf einer Eisplatte hin. Nachdem ein Teilnehmer es ihm exakt nachmachte war für die anderen klar, dass sie doch eine etwas andere Linie wählen sollten. Als die Ski wieder eingesammelt waren konnte die Abfahrt fortgesetzt werden. Über die nächsten 150 Hm mit grandiosem Bruchharsch kassierten auch alle anderen Teilnehmer Stürze, so war der Stand wieder ausgeglichen. Spätestens nach diesem Stück war klar, dass für die kommenden Tage kein Pulver angesagt ist. Wir müssten wohl eher südseitig auf Firn hoffen. Nachdem der Hang etwas drehte wechselte die Schneequalität von Bruchharsch auf Firn, sodass sich der Rest der Abfahrt deutlich angenehmer gestaltete.

Piz Lai Blau (2960m)

Der Freitag brachte eher gemischtes Wetter. Über Nacht hatte sich eine dichte Wolkendecke gebildet, die die Abstrahlung verhinderte. Das bedeutete etwas weichere Verhältnisse als eigentlich erwünscht und eine deutlich erschwerte Navigation durch dichten Nebel. Wir starteten die Tour an der Staumauer des Lai da Sontga Maria. Entlang des Sees mussten zunächst sehr steile Osthänge gequert werden, was sich bei eingeschränkter Sicht durchaus etwas bedrohlich anfühlte. Hier waren wir doch relativ froh darüber, dass wir die Querung nicht auf eishartem Firn machen mussten. Wir fragten uns ob es für die Psyche nun förderlich wäre wenn der See bis zum Rand gefüllt wäre und ob bei einem Ausrutscher ein sehr kaltes Bad nicht angenehmer sein könnte als 50 Meter mehr Fallhöhe. Beides wollten wir in keinem Fall ausprobieren, so waren wir froh, die psychische Schlüsselstelle der Tour schnell gemeistert zu haben. Nun konnte es bergauf gehen. In einigen Spitzkehren gewannen wir recht zügig an Höhe. Bei immernoch schlechter Sicht stiegen wir mit etwas GPS Hilfe entlang des Rückens östlich der Alpe Rondadura, und weiter in einem großen Linksbogen zum kleinen Glatscher dil Lai Blau. Langsam besserte sich das Wetter, so wie von Meteoschweiz versprochen, und wir erreichten den Gipfel bei Sonnenschein. Die Abfahrt führte uns  in einer sehr schönen Variante direkt zum Lai Blau. Bedingt durch Sulzschnee und je nach Skibreite schwankte der Eindruck der Abfahrt zwischen genial und unglaublich anstrengend. Einige Teilnehmer wünschten sich für den nächsten Tag „richtigen Firn“. Trotzdem verlängerten wir die Tour noch um zwei weitere kleine Aufstiege.

Piz Cristallina (3127m)

Nach einer klaren Nacht war die Schneedecke tatsächlich mit einem tragenden Harschdeckel versehen. Das stimmte schonmal optimistisch, aber auf Skitour heißt es ja zunächst ohne Fleiß keine Abfahrt. Durch das flache, fast schneefreie Val Cristallina trugen wir die Ski auf dem Rucksack. Nach vier Kilometern konnten wir den Aufstieg mit Ski fortsetzen. Ziemlich steil ging es  zu Foppa da Cavals. Die Navigation in Richtung Piz Cristallina wurde wieder einmal durch Nebel erschwert und auf 2700m standen wir dann endgültig in dichtem Weiß. Der Aufstieg mit Harscheisen sowie die Touren der zwei vorherigen Tage zehrten an den Kräften und an der Aufstiegsmoral. So beschlossen wir umzukehren. Nach etwa 100Hm Abfahrt waren wir plötzlich dem Nebel entkommen und hatten perfekte Sicht. Anscheinend waren wir die ganze Zeit zusammen mit einer Wolke den Hang hochgestiegen. Die Entscheidung zur Abfahrt wurde mit 700Hm feinster Firnabfahrt belohnt. Ein Teil der Gruppe war so euphorisch, dass gleich nochmal 400Hm Aufstieg und Abfahrt drangehängt wurden. Auch der Rückweg durchs Val Cristallina gestaltete sich besser als gedacht. Bis auf zweimal kurz Abschnallen schafften wir den Weg zurück zum Auto komplett auf Ski.

Piz Muraun (2896m)

Am vierten Tourentag war die Gruppe leider auf 2/3 der ursprünglichen Größe geschrumpft. Zwei Teilnehmer entschieden sich wegen Schmerzen in der Unterkunft zu bleiben. Der Rest der Gruppe startete früher als sonst um auch für den letzten Tag nochmal gute Firnverhältnisse zu bekommen. Der Aufstieg führte uns vom Dorf Curaglia ins Val Plattas und über Plaun Cazirauns an den Fuß des eindrücklichen Gipfelhangs des Piz Muraun. Nun galt es 400Hm zu bewältigen mit einer Steigung bis zu 45°, bei Firn immer auf der äußersten Kante des Skis und auf schmalen Harscheisen. Oben angekommen blieb nur Zeit für eine kurze Gipfelrast. Die Sonne hatte den Gipfelhang schon lange genug bearbeitet und wir wollten die Schneeverhältnisse bei einer für uns so anspruchsvollen Abfahrt perfekt erwischen. Die ersten Schwünge in gemütlicher Steigung sind sehr gut zum Einfahren und um etwas die Nervosität abzubauen. Trotzdem bleibt ein etwas beklemmendes Gefühl, da man den immer steiler werdenden Hang von oben nicht einsehen kann und sich somit fühlt als würde man ins Nichts fahren. Die Neigung des Hanges nimmt nun immer weiter zu und auch die Ausgesetztheit wird nochmal deutlicher. An der steilsten Stelle hat man den Hang aber zum Glück schon zum größten Teil hinter sich und bald steht man wieder im Flachen. Für die aufregende Passage belohnten wir uns mit weiteren 800Hm perfekter Firnabfahrt.

Die Heimreise traten wir dann mit etwas gemischten Gefühlen an. Einerseits euphorisch wegen der gelungenen Touren anderseits mit etwas Unsicherheit wie sich die Coronakrise weiter entwickeln würde und wie sich zwei Wochen Quarantäne so anfühlen würden.

Text und BIlder: Jan Herterich, FÜL